Wie ist der Islam entstanden? Teil 3&4

Abgeschickt von CrypticalPuzzle am 04 September, 2003 um 19:17:19:

Teil 3:

3. Die Ausbreitung und Konsolidierung nach Mohammeds Tod

Da der Tod Mohammeds sehr plötzlich kam, war seine Nachfolge nicht geregelt. Auch den Koran gab es nicht in einer gesammelten Form. Dies führte zu vielen Auseinandersetzungen auch innerhalb der Familie Mohammeds. Hier kann nur die Geschichte der Hauptrichtung des Islam, der Sunniten, dargestellt werden. Die Geschichte lässt sich in mehrere Abschnitte unterteilen.

Die Zeit der vier "rechtgeleiteten" Kalifen (632-661 n. Chr.)
Nach dem Tod Mohammeds kam es zu der Errichtung des sogenannten Kalifats (arab. Stellvertreter, Nachfolger). Der Kalif galt als weltlicher und religiöser Führer der islamischen Gemeinschaft. Die vier "rechtgeleiteten" Kalifen kamen alle aus dem unmittelbaren Umfeld Mohammeds.

Der erste Kalif war Abû Bakr, der Vater von Aischa, der Lieblingsfrau Mohammeds. Er konnte sich gegen 'Alî, den Neffen und Schwiegersohn Mohammeds, den Mann der Fatima, einer Tochter der Hadîja durchsetzen. Er unterwarf in seiner Amtszeit illoyal gewordene arabische Stämme und eroberte Teile des Irak, Syriens und Palästinas. Abû Bakr starb 634 n. Chr.

Abû Bakr designierte 'Umar ibn al-Hattab, einen weiteren Schwiegervater Mohammeds als seinen Nachfolger. In seine Amtszeit fällt die schnelle Ausbreitung des Islam. Er eroberte den Irak, Syrien, Palästina, Ägypten und den Iran und begründete damit das islamische Weltreich. 'Umar wurde 644 n. Chr. von einem persischen Sklaven ermordet.

Ihm folgte 'Uthmân ibn 'Affân ein Schwiegersohn Mohammeds. 'Uthmân hatte zwei Töchter Mohammeds geheiratet. Er vollendete die Eroberung Persiens und erobert Teile Nordafrikas. 'Uthmân ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil er mit der Hilfe von Mohammeds Sekretär 653 n. Chr. eine einheitliche Koranausgabe geschaffen hatte. 'Uthmân ließ konkurrierende Ausgaben vernichten und seine in sieben Metropolen des Reiches verschicken. Der Text ist der Vorgänger heutiger Koranausgaben. Der Text war mehrdeutig, da er keine kurzen Konsonanten und nicht alle langen Konsonanten enthielt. Für 28 Konsonanten, standen nur 18 Zeichen zur Verfügung, so dass z.B. fünf Konsonanten das gleiche Zeichen verwandten. Deshalb entstanden sieben Lesarten, die heute als gültig anerkannt wurden. Diese Lesarten wurden vor allem mündlich überliefert und erst ab dem 19. Jh. gedruckt. Eine besondere Bedeutung erhielt eine Ausgabe von Gelehrten der Azhar-Universität aus dem Jahre 1923, die den meisten modernen Koranausgaben zugrunde liegt. 'Uthmân wurde 656 n. Chr. von einem Sohn von Abû Bakr und damit Bruder von Aischa und seinen Mitverschwörern ermordet.

In der Nachfolge 'Uthmâns konnte sich nun 'Alî gegen Mu'âwiya einen Verwandten 'Uthmâns durchsetzen (beide hatten Umayya zum Urgroßvater). Da 'Alî vor dem Tod 'Uthmâns als Vermittler zwischen ihm und den Rebellen, die 'Uthmân töteten auftrat und von den Rebellen zum Kalifen vorgeschlagen wurde, kam es aus dem früheren Umfeld Mohammeds zum Widerstand gegen ihn. Er hatte den Regierungssitz von Medina nach Kufa verlegt und musste zunächst in der sogenannten "Kamelschlacht" gegen das Umfeld Mohammeds bestehen. In der "Kamelschlacht" kämpfte Aischa 656 n. Chr. auf der Seite der Gegner 'Alîs auf einem Kamel. 657 n. Chr. kam es zu einer Schlacht gegen Mu'âwiya, der auch syrischer Stadthalter war. Es kam zu einem Schiedsgerichtsverfahren, dass den Konflikt nicht beilegen konnte. 661 n. Chr. wurde 'Alî ermordet.

Die Zeit der vier "rechtgeleiteten" Kalifen wird zwar als "goldenes Zeitalter des Islam" betrachtet, zeigt aber, wie unbarmherzig der engste Zirkel um Mohammed sich nach seinem Tod bekämpfte und gegenseitig ermorden ließ. Ein Umstand, der die Hauptursache für die Entstehung verschiedener Gruppierungen im Islam ist.

Die Zeit der Umayyaden (661-750 n. Chr.)
Nach dem Tod 'Alîs konnte sich Mu'âwiya als Kalif durchsetzen. Er war damit der eigentliche Begründer der Dynastie der Umayyaden. Ihre Herrschaft war einige Generationen lang angefochten, so dass es immer wieder zu inneren Auseinandersetzungen im islamischen Reich kam. So kam es 680 n. Chr. zur Schlacht von Kerbela in der al-Husain, der Sohn 'Alîs gegen Truppen Yazîds den Sohn Mu'âwiyas unterlag und starb. Al-Husain hatte Anspruch auf das Kalifat erhoben.
Im 8. Jh. beginnen die Umayyaden mit der weiteren Ausdehnung des Reiches. 711 n. Chr. setzen sie nach Spanien über und begannen mit der Eroberung Indiens. Sie eroberten auch Gebiete in Zentralasien. 732 n. Chr. misslang die Eroberung Frankreichs durch die Niederlage bei Tours und Poitiers gegen die Franken unter Karl Martell. Nach inneren Unruhen wurden die Umayyaden 750 n. Chr. von den Abbasiden geschlagen und fast vollständig ausgerottet. Nur 'Abd ar-Rahmân konnte nach Spanien fliehen und eine Dynastie begründen, die bis 1031 n. Chr. bestand hatte und ab 929 n. Chr. den Kalifentitel führte.

Die Zeit der Abbasiden (750-1258 n. Chr.)
Die Abbasiden waren eine Dynastie, die sich auf al-'Abbas, den Halbbruder von Mohammeds Vater zurückführte. Die Abbasiden führten das Kalifat weiter, dass unter ihnen jedoch an politischer Bedeutung verlor. In ihrer Zeit gab es Gegenkalifate der Umayyaden in Cordoba, und der Fatimiden in Nordafrika. Es war die Zeit der Kreuzzüge, die schiitischer Emanzipationsbewegungen und der Angriffe zunächst buddhistischer Mongolen. 1258 erobern die Mongolen Bagdad, wodurch das abbasidische Kalifat ein Ende hat. Von 1261 bis 1517 gab es noch ein abbasidisches ‚Schattenkalifat‘ ohne politische Bedeutung. Die Zeit der Abbasiden war zum einen eine Zeit des politischen Niedergangs des
Islam, zum anderen wurde unter ihnen die eroberten Gebiete stark islamisiert. In ihre Amtszeit fällt die Entstehung bzw. Fixierung der hadîte (arab. hadît = Überlieferung, Tradition, Bericht), die u. a. beanspruchen über das Leben Mohammeds zu berichten. Sie haben für die islamische Theologie eine enorme Bedeutung.

Die Zeit ab 1258 n. Chr.
Die Zeit ab 1258 n. Chr. ist für die theologische Entwicklung des Islam nicht so entscheidend. Die mongolischen Osmanen werden nun zum entscheidenden Faktor in der islamischen Welt. Sie erobern 1455 n. Chr. Konstantinopel, nehmen 1517 n. Chr. den Kalifentitel an und belagern Wien 1529 und 1683 n. Chr. erfolglos. Neben ihnen gibt es aber auch andere wichtige islamische Staaten, wie das schiitische Safawidenreich in Persien oder die indischen Moghulkaiser. Die Moghulkaiser trugen wie die Osmanen den Kalifentitel. Die Dynastie der Moghulkaiser endete 1857 durch die englische Kolonialmacht. Das osmanische Kalifat endet 1924 durch Beschluss der türkischen Nationalversammlung. Zur Zeit gibt es also, abgesehen von Vertretern islamischer Sondergruppen, keinen Kalifen. Da das Kalifat für die Einheit der islamischen Welt steht, gab es immer wieder Versuche das Kalifat wiederzubeleben.

Teil 4:

4. Die Entstehung der verschiedenen islamischen Richtungen

Die vier sunnitischen Rechtsschulen und die Wahhabiten
Im islamischen Recht sunnitischer Prägung (arab. sunna = Wegweisung [entspricht den hadîten]) haben sich verschiedene Rechtsschulen herausgebildet. Sie entstanden im 8. und 9. Jh. unter den Abbasiden, wie auch die hadîte. Unter ihnen haben nur vier sunnitische Rechtsschulen überlebt, die sich mehr oder weniger seit 1300 n. Chr. gegenseitig anerkennen. Sie wurden nach wichtigen Gründerpersönlichkeiten der Schulen benannt und unterscheiden sich durch unterschiedliche lehrmäßige und ethische Bewertungen. Sie unterscheiden sich durch folgende Prinzipien:

Die Hanafiten wurden als Rechtsschule der Abbasiden begründet. Sie gilt als liberalste Schule. Sie erkennt vier Rechtsquellen an: Den Koran, zweifelsfrei authentische hadîte, das persönliche Urteil und die Analogie. Die letzten beiden Rechtsgrundlagen brachten der Schule den Vorwurf ein willkürlich zu sein. Die Hanafiten waren die Rechtsschule des Osmanischen Reiches und haben vor allem Bedeutung auf dem Balkan, im Kaukasus, in Afghanistan, Pakistan, Bangladesch, China, Zentralasien, der Türkei, Syrien, dem Libanon, Jordanien und dem Irak.
Die Malikiten fügten zu den vier Rechtquellen noch das Erwägen des öffentlichen Interesses hinzu. Die malikitische Rechtsschule ist vorherrschend in Libyen, Tunesien, Algerien, Marokko, Mauretanien, Westafrika, Nigeria, Zentralafrika, Oberägypten, dem Sudan, Kuwait und Bahrain.

Die Šâfi'iten gingen aus dem Versuch hervor Hanafiten und Malikiten zu versöhnen. Sie erkennen nur die vier Rechtsquellen der Hanafiten an, betonen aber den Konsens der Theologen als Kriterium. Diese Rechtschule herrscht in Südarabien, Ostafrika, und Südostasien vor.

Die jüngste Rechtsschule ist die der Hanabaliten. Sie wandten sich gegen jegliche menschliche Rechtfindung. Damit gelten für sie praktisch nur der Koran und hadîte als Rechtquellen. Diese Rechtsschule hat besondere Bedeutung in Saudi-Arabien, Qatar und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Eine Sonderstellung nehmen die Wahhabiten ein, die auf ibn-'Abd al-Wahhâb, der im 18. Jh. als umstrittener Reformer wirkte, zurückgehen. Er versuchte den Islam von ‚heidnischen‘ Elementen zu reinigen. Er war ein Theologe in hanabalistischer Tradition, der für viele islamische Fundamentalisten vorbildlich ist. Die wahhabitische Bewegung ist die Grundlage des saudi-arabischen Königreiches. Eine besondere Spannung besteht zu den Schiiten, da von den Wahhabiten 1802 die Grabmoschee Husains in Kerbela zerstört wurde.

Die Schiiten, Drusen und 'Alawiten
Neben den o. g. Sunniten gibt es bis heute Schiiten. Sie werden als Schia (arab. šî'a = Partei) 'Alî bezeichnet. Sie sind der Ansicht, dass das Kalifat nur durch die leiblichen und geistlichen Nachkommen Mohammeds ausgeübt werden kann. Die Schiiten akzeptieren deshalb von den genannten Kalifen nur 'Alî. Seine Nachfolger sind Imame, zu ihnen gehören 'Alîs Söhne Hasan und Husain. Ihnen wurde sogar Sündlosigkeit zugesprochen. Die Schiiten müssen wieder in mehrere Gruppen unterteilt werden. Zu ihnen gehören folgende: Die größte Gruppe ist die sogenannte Zwölfer-Schia, sie ist die vorherrschende Gruppe im Iran und dem Irak. Sie ist der Ansicht, dass ihr zwölfter Imam nicht gestorben sei, jetzt in der Verborgenheit lebe und am Ende der Tage zur Errichtung eines islamischen Reiches wiederkommen werde. Die siebener Schiiten oder Ismailiten erkennen nur die ersten sieben Imame als rechtmäßig an. Darüber hinaus hatten sie starke synkretistische Tendenzen, so dass sie neuplatonisches, alchemistisches, gnostisches, kabbalistisches und mystisches Gedankengut aufnahmen. Die Siebener-Schia ist heute zahlenmäßig unbedeutend. Ihr gehörten allerdings die fatimitischen Kalifen an, die von 973-1171 n. Chr. in Nordafrika und Ägypten herrschten. Eine Abspaltung von der Siebener Schia sind die Drusen, die den fatimitischen Kalifen al-Hakim vergöttlichen. Drusen sind heute noch in Syrien und im Libanon ansässig. Die Zaiditen, stehen von allen schiitischen Gruppen den Sunniten am nächsten und verurteilen auch die ersten drei Kalifen nicht. Aus ihrer Sicht war Zaid ibn 'Alî , ein Enkel al-Husains, ein rechtmäßiger Imam. Der Imam hat bei ihnen geringeres Gewicht, so dass es auch mehrere Imame geben kann. Zaiditen leben vor allem im Jemen. Auch die 'Alawiten gehören zu den schiitischen Gruppen. Sie leben in der Türkei, Syrien, dem Libanon und dem Irak. Auch sie vertreten einen Synkretismus aus islamischen, gnostischen und altorientalischen Elementen. Sie wollen den Koran ‚geistlich‘ auslegen und vergöttlichen 'Alî.

Sonstige Strömungen
Mit den beschriebenen Gruppen sind noch lange nicht alle islamischen Strömungen erfasst. Maßgebend sind z. B. der sogenannte Volks-Islam. Im Volks-Islam findet sich alles oben erwähnte in verschiedenen Ausprägungen. Der Volks-Islam beschreibt was Muslime tatsächlich glauben und nicht was sie nach offizieller Lehre glauben müssten. In vielen Regionen gibt es hier Vermischungen mit den Vorislamischen religiösen Traditionen. Daneben gibt es die islamische Mystik, in der die Muslime Gott direkt erfahren wollen. Zu ihnen gehören Sufisten und andere Bruderschaften. Sie sind auch durch die griechische Philosophie geprägt und haben damit faktisch auch synkretistische Tendenzen. Zur Jahrhundertwende zwischen dem 19. und 20. Jh. entstand z. B. die Ahmadîya-Bewegung eine Bewegung in der sich der Inder Mîrzâ Ghulâm Ahmad als Prophet ausgab sich aber auch als der wiederkommende Messias, Mahdi, Krishna und Buddha, sowie als ein Erlöser der ganzen Menschheit ansah. Im Gegensatz zu orthodoxen Muslimen, die die Kreuzigung Jesu leugnen, war Ahmad der Ansicht, Jesus sei gekreuzigt worden, habe die Kreuzigung überlebt und sei nach Kaschmir ausgewandert. Eine Theorie die er wahrscheinlich von europäischen Theosophen übernahm.

Der islamische Fundamentalismus von heute
Der islamische Fundamentalismus ist eine neue Entwicklung. Mit dem Begriff sind nicht alle Muslime gemeint, die den Koran für das Wort Gottes halten, da dies alle Muslime tun. Es sind auch nicht die Muslime gemeint, die sich ausschließlich auf den Koran beziehen, da es eine solche Strömung überhaupt nicht gibt. Fundamentalismus ist auch keine Selbstbezeichnung von Muslimen. Christine Schirrmacher stellt in ihrem Buch fest, dass fundamentalistische Gruppen die muslimische Gemeinschaft zur Zeit ihrer Entstehung für vorbildlich halten und definiert die Überzeugungen des islamischen Fundamentalismus in etwa wie folgt:

Betonung der Einheit der islamischen Gemeinschaft.

Orientierung vor allem an dem Koran und den hadîten.

Die an Mohammed ergangenen ‚Offenbarungen‘ werden als die einzige Verbindung zwischen Gott und Mensch betrachtet.

Es besteht die Überzeugung von der absoluten Gültigkeit der islamischen Gebote und Anordnungen für alle Lebensbereiche der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.

Es besteht die Überzeugung, dass der gegenwärtige islamische Staat nicht im Einklang mit den ursprünglichen Lehren des Islam steht.


Antworten:


[ Forum www.bibelkreis.de ]